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Wer wird Fußball-Europameister 2016? Drei Wissenschaftler wagen eine Prognose

Soziologieprofessor Jürgen Gerhards von der Freien Universität und Kollegen wenden die "Marktwertmethode" an

08.06.2016

Wer wird Fußball-Europameister 2016? Die Beantwortung der Frage ist so ungewiss und spannend wie nie zuvor, wie eine Prognose auf Grundlage der „Marktwertmethode“ zeigt.

Wer wird Fußball-Europameister 2016? Die Beantwortung der Frage ist so ungewiss und spannend wie nie zuvor, wie eine Prognose auf Grundlage der „Marktwertmethode“ zeigt.
Bildquelle: Stephan Töpper

Vom 10. Juni an werden sich die Augen der Fußballwelt auf Frankreich richten, wenn im Stade de France in Paris die 15. Fußballeuropameisterschaft beginnt. Noch nie war das EM-Turnier, an dem erstmals 24 Mannschaften teilnehmen, größer und noch nie dauerte es länger. Erst einen Monat nach dem Eröffnungsspiel werden die Fußballfans den neuen Europameister kennen. Welches Team das sein wird, ist so ungewiss und spannend wie nie zuvor, wie eine Prognose auf Grundlage der „Marktwertmethode“ zeigt.

Anlässlich der Fußballweltmeisterschaft 2006 haben wir erstmals versucht, den Ausgang eines großen Fußballturniers mit der sogenannten Marktwertmethode vorherzusagen und praktizierten dieses Prognoseverfahren dann auch bei den folgenden WM- und EM-Turnieren.

Tatsächlich gewannen die Teams mit den höchsten Marktwerten 2006 und 2010 ebenso die FIFA-Weltmeisterschaft (Italien und Spanien), wie sich das teuerste Team der Jahre 2008 und 2012 zum Europameister schoss (Spanien). Bei der WM in Brasilien favorisierte die Methode Spanien und Deutschland und bekanntermaßen holte das DFB-Team – mit dem zweitteuersten Kader – durch Mario Götzes legendäres Siegtor gegen Argentinien den Titel.

Im Unterschied zu vielen anderen, manchmal recht komplizierten Prognosemodellen ist die Marktwertmethode verblüffend einfach. Ein transparenter und öffentlich verfügbarer Indikator, mit dem sich die Leistungsfähigkeit eines Fußballers gut nachbilden lässt, ist sein Marktwert. Fußballspieler stehen heutzutage unter Dauerbeobachtung durch Spielervermittler, Talentscouts, Sportmanager, Trainer und zahlreiche andere Experten, die das Leistungspotential der Spieler kontinuierlich bewerten.

Diese Leistungseinschätzungen finden ihren Ausdruck im Transferwert des Spielers auf dem Spielermarkt. Der Preis des Spielers offenbart, welche aktuelle, aber insbesondere welche zukünftige Leistung man von ihm erwartet. Nachlesen kann man das für zig Ligen und Spieler auf der Website www.transfermarkt.de, die von interessierten Fans und einigen Profis betrieben wird.

„Viele Top-Mannschaften liegen im Hinblick auf ihre Marktwerte auf gleicher Höhe"

Genauso wie der Marktwert das sportliche Leistungspotenzial eines einzelnen Fußballers spiegelt, lässt sich auch die Leistungsstärke der gesamten Mannschaft an ihrem Marktwert ablesen. Der Mannschaftsmarktwert ist die Summe der Marktwerte aller Einzelspieler. Entsprechend gehen wir davon aus, dass die teuerste Mannschaft auch die potenziell spielstärkste Turniermannschaft ist und deshalb die höchste Wahrscheinlichkeit besitzt, das Turnier zu gewinnen.

Diese Prognosemethode hat sich nicht nur bei den letzten WM- und EM-Turnieren gut bewährt. Besonders deutlich wird die Prognosekraft der Marktwertmethode im Ligafußball, wo der Meistertitel in den europäischen Top-Ligen in der Regel unter den teuersten Mannschaften ausgespielt wird. Auch in der Bundesliga ist in den letzten Jahren zunehmend Langeweile eingekehrt ist, weil der vermögende FC Bayern der Konkurrenz weit enteilt ist.

Im Gegensatz dazu dürfen sich die Fans bei der bevorstehenden Europameisterschaft nun freuen, denn hier ist Spannung garantiert. Unser Vergleich der Teams zeigt, dass viele Top-Mannschaften im Hinblick auf ihre Marktwerte auf gleicher Höhe liegen und damit das Potential haben, den Titel zu holen.

In der Gruppenphase, wo die Unterschiede zwischen den Marktwerten der Mannschaften sehr ausgeprägt sind, wenn z. B. Albanien mit einem Kaderwert von 46 Mio. auf Frankreich mit 487 Mio. trifft, ist zu erwarten, dass sich die üblichen Verdächtigen in ihren jeweiligen Gruppen durchsetzen. Spätestens ab dem Viertelfinale wird es richtig spannend. Ein klarer Titelfavorit lässt sich dann nicht mehr identifizieren.

„Der DFB stellt das teuerste Team"

Deutschland wird in Frankreich mit einem Mannschaftswert von 562 Mio. Euro antreten. Trotz der Streichung von Marco Reus, dessen Transferwert allein auf 45 Mio. Euro geschätzt wird, stellt der DFB das teuerste Team. Der Vorsprung auf die anderen favorisierten Teams ist allerdings denkbar knapp: Die von Vicente del Bosque nominierten 23 spanischen Spieler bringen es auf einen Transferwert von ca. 558 Mio. Euro. Aber auch auf den Folgerängen liegen mit Frankreich (487 Mio.), England (477 Mio.) und Belgien (461 Mio.) „hochwertige“ Teams.

Was die EM in Frankreich von den letzten WM- und EM-Turnieren unterscheidet, ist die Tatsache, dass der Abstand zwischen den Topteams stark geschmolzen ist. Dies gilt vor allem für die Relation zwischen Deutschland und Spanien; der Abstand zwischen beiden Teams ist so gering wie nie zuvor.

Neben Deutschland hat vor allem Belgien im Zeitverlauf enorm zugelegt. Zahlreiche Spieler aus diesem Team haben den Sprung in die absolute Weltspitze geschafft und würden bei einem Vereinswechsel entsprechend hohe Transfersummen generieren.

Wenn Deutschland und Belgien jeweils Gruppenerster werden sollten und sich im Achtelfinale durchsetzen, träfen sie aber schon im Viertelfinale aufeinander. Sollte Deutschland das Spiel gewinnen, dann „droht“ dem DFB-Team mit Frankreich im Halbfinale der nächste große Brocken. Für Jogis Jungs kann es also ein harter und steiniger Weg werden, der ins Finale und zum möglichen vierten EM-Titel führt.

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Weitere Informationen

Zu den Autoren

Jürgen Gerhards ist Professor für Soziologie an der Freien Universität Berlin. Michael Mutz ist Professor für Sportsoziologie an der Justus-Liebig-Universität Gießen. Gert G. Wagner ist Professor an der TU Berlin und Vorstandsmitglied des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW Berlin). Die drei Autoren haben schon mehrfach Prognosen über den Ausgang von Fußballturnieren und Fußballligen publiziert.