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Mathematik poetisch verfilmt

Filmvorführung „Colors of Math“ am 12. Juni am Fachbereich Mathematik und Informatik / Ein Gespräch mit Mathematikprofessor Günter M. Ziegler von der Freien Universität

11.06.2012

Mathematik mit allen fünf Sinnen begreifen: Prof. Dr. Günter Ziegler erläutert in "Colors of Math" die Verbindung zwischen dem Tastsinn und der Mathematik.

Mathematik mit allen fünf Sinnen begreifen: Prof. Dr. Günter Ziegler erläutert in "Colors of Math" die Verbindung zwischen dem Tastsinn und der Mathematik.
Bildquelle: Screenshot "Colors of Math"

Mathematik als sinnliche Erfahrung – das verspricht der Dokumentarfilm „Colors of Math“. Die russische Regisseurin Ekaterina Eremenko verbindet die Welt des Sehens, Hörens, Riechens, Schmeckens und Tastens mit der der Zahlen. Am 12. Juni wird der Film am Fachbereich Mathematik und Informatik gezeigt. Und das aus gutem Grund: Einer der Hauptdarsteller lehrt und forscht in Dahlem – Günter M. Ziegler. Campus.leben sprach mit dem Professor für Mathematik und Leiter der AG „Diskrete Geometrie" an der Freien Universität Berlin über das Filmprojekt und den gerade bewilligten Transregio-Sonderforschungsbereich „Diskretisierung“, an dem die Freie Universität beteiligt ist.

Herr Professor Ziegler, wovon handelt der Film „Colors of Math“?

Es ist ein ziemlich poetischer Dokumentarfilm über das Wesen der Mathematik, dargestellt anhand der fünf Sinne. Die russische Regisseurin Ekaterina Eremenko, die in Berlin lebt, hat fünf Mathematiker gebeten, über ihre Arbeit zu sprechen – anhand eines der fünf Sinne. Bei mir ist das der Tastsinn –mehr möchte ich jedoch nicht verraten, ich habe bisher auch nur eine Vorversion gesehen. Aber die hat mich ziemlich überrascht und beeindruckt.

Der Film ist ja offenbar nicht nur für Spezialisten interessant – er wurde jetzt sogar zum Moskauer Filmfest Ende Juni eingeladen.

Ja, ich finde den Film wirklich außergewöhnlich und faszinierend – und es freut mich sehr, dass andere das offenbar auch so sehen.

Außergewöhnlich ist auch das Forschungsfeld des neuen Sonderforschungsbereichs, an dem die Freie Universität Berlin beteiligt ist. Worum geht es genau?

Der neue Sonderforschungsbereich (SFB) wird sich mit Problemen der "Diskretisierung von dynamischen Prozessen und geometrischen Strukturen" beschäftigen.

Das heißt?

Glatte Flächen, stetige Kurven und die dynamische Entwicklung von Prozessen werden in der Mathematik vielfältig studiert – etwa in der Differenzialgeometrie und in der Theorie der Dynamischen Systeme.

Wenn wir aber Flächen konstruieren, oder kontinuierliche Prozesse nachrechnen wollen, dann muss in Einzelteile zerlegt, in Einzelschritten gerechnet werden – wir brauchen „diskrete" Modelle für „kontinuierliche" Prozesse. Das ist unser Thema. Wenn wir das gut machen, können wir physikalische Prozesse – etwa Satellitenbahnen – und geometrische Strukturen – beispielsweise gekrümmte Flächen im Raum – effektiv berechnen und konstruieren.

Können Sie ein Beispiel nennen?

Die moderne Freiformarchitektur versucht, geschwungene Glasdächer aus flachen Glaspanelen zusammenzusetzen – das ergibt dann Tonnengewölbe wie über dem Berliner Hauptbahnhof, interessante Strukturen wie in der Kuppel auf dem Reichstagsgebäude oder das Glasdach über dem Schlüter-Innenhof des Deutschen Historischen Museums.

Ein anderes wichtiges Anwendungsgebiet ist die Computergrafik und die Visualisierung. Meinem Kollege Professor Ulrich Pinkall von der TU Berlin und seinen Mitarbeitern ist es jetzt gelungen, Zigarettenrauch „physikalisch richtig" zu modellieren und in Echtzeit berechnen zu können. Bewegungen von einzelnen Molekülen, etwa großen Biomolekülen, sind noch viel schwieriger in den Griff zu kriegen – auf dem Gebiet spielt Christof Schütte von der Freien Universität mit seiner Arbeitsgruppe an der Weltspitze mit.

Wird neben den Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern auch die Öffentlichkeit von der Arbeit und den Ergebnissen des SFB erfahren?

Im SFB machen wir Geometrie, wir produzieren Bilder, großartiges Bildmaterial, und das soll zu sehen sein, faszinieren, und zu Fragen führen. Wir wollen die Forschungsergebnisse des Sonderforschungsbereichs zielgruppengerecht aufbereiten, für Lehrer und Schüler, aber auch für die Medien und den an Mathematik interessierten Laien. Denn wir sind überzeugt, dass die Forschungsergebnisse und Visualisierungstools des SFB nicht nur die Wissenschaftler begeistern werden. Spätestens zur nächsten Langen Nacht der Wissenschaften!

Sind weitere Kollegen von der Freien Universität am SFB beteiligt?

Ja, Konrad Polthier, der auf dem Arbeitsgebiet „Geometry Processing" arbeitet, und Raman Sanyal aus der Arbeitsgruppe "Diskrete Geometrie". Außerdem sind Wissenschaftler aus Nachbardisziplinen dabei: Professor Günter Rote vom Institut für Informatik der Freien Universität wird an „Diskreter Morsetheorie" arbeiten.

Was ist das?

Eine mathematische Spezialdisziplin, noch neu, aber hochinteressant: Hier werden tiefliegende Methoden aus der Topologie nutzbar gemacht, um die „kritischen Punkte" auf Flächen zu identifizieren und zu verstehen. Mich freut besonders, dass Rote dafür Bruno Benedetti nach Berlin zurückholen will – ein Italiener, der zum Promovieren in der Berlin Mathematical School nach Berlin gekommen war, bei mir letztes Jahr eine brillante Doktorarbeit abgeschlossen hat und derzeit in der Arbeitsgruppe meines Doktorvaters an der KTH Stockholm arbeitet. Die Berliner Mathematik zieht Talente an, gibt ihnen Chancen, schickt sie in die Welt, und bringt sie dann wieder zurück.

Die Fragen stellte Thomas Vogt

Weitere Informationen

Filmvorführung (Preview) -"Colors of Math" - Ein Film über die fünf Sinne der Mathematik

  • Dienstag, 12. Juni 2012, 18 bis 19 Uhr
  • Zuse-Institut Berlin, Hörsaal Rundbau, Takustr. 7, 14195 Berlin

Der Eintritt ist frei.