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Mission Mathematik

Ein Professor der Freien Universität setzt sich seit Jahren für die Popularisierung der Zahlenwelt ein.

25.02.2013

Ehrhard Behrends Spezialgebiete sind Funktionsanalysis und Wahrscheinlichkeitstheorie. Ihn fasziniert "die Idee von einer Beherrschung des Zufalls".

Ehrhard Behrends Spezialgebiete sind Funktionsanalysis und Wahrscheinlichkeitstheorie. Ihn fasziniert "die Idee von einer Beherrschung des Zufalls".
Bildquelle: Bernd Wannenmacher

Ehrhard Behrends kann es, nein, er mag es nicht lassen: Die Popularisierung der Mathematik ist dem Professor der Freien Universität eine derartige Herzensangelegenheit geworden, dass der 66-Jährige seinen Ruhestand verschoben hat. Wobei Ruhestand ohnehin ein Wort ist, dessen Wahrscheinlichkeit in Kombination mit Ehrhard Behrends gegen Null tendiert.

Seine Spezialgebiete sind Funktionalanalysis und Wahrscheinlichkeitstheorie. Seit Jahren streitet Behrends für den Ruf seiner Disziplin, will die Mathematik aus der Schreckensecke des staubigen Schulfachs herausholen und zeigen, wie spannend und allgegenwärtig die Welt der Zahlen und Gleichungen sein kann.

Dazu schreibt er Zeitungskolumnen wie „5 Minuten Mathematik“, die in Buchform mittlerweile in sieben Sprachen erschienen sind. Und dafür beriet er 2008, dem Jahr der Mathematik, das Deutsche Technikmuseum bei der Realisierung einer gut besuchten Ausstellung namens „Mathema“. Schon vor Jahren hat Ehrhard Behrends die Internetseite mathematik.de ins Leben gerufen. Seit ihn die Europäische Mathematische Gesellschaft 2008 zum Beauftragten für die „Verbesserung der öffentlichen Wahrnehmung der Mathematik“ ernannte, schaltet er mit ihrer europäischen Variante mathematics-in-europe.eu noch einen Gang höher.

Mathematik.de ist in Deutschland bereits ein Erfolg, daher konnte der Wissenschaftler auf viele Erfahrungen zurückgreifen. Kollegen aus dem Ausland unterstützen ihn dabei. So ist die Einführung der Seite mittlerweile in 15 Sprachen abrufbar, neben den gängigen auch in Finnisch, Serbisch, Kroatisch und Türkisch. Da Mathematik international ist, bietet die Seite ein umfangreiches Wörterbuch, mit dem rund 700 mathematische Fachbegriffe aus einer Sprache in die andere übersetzt werden können: Wenn also zum Beispiel ein Spanier den Begriff „Menge“ (spanisch „conjunto“) für einen französischen Fachartikel benötigt, genügen zwei Klicks, um die Übersetzung „ensemble“ zu finden. Ähnlich wie auf mathematik.de stellt die europäische Seite 19 mathematische Berufsbilder vor und beweist so eindrucksvoll, dass man als Mathematiker nicht nur Risiken bei Versicherungen berechnen muss – auch wenn die Versicherungsbranche nach wie vor zu den gefragtesten Arbeitgebern für Mathematiker gehört und die Münchner Rück die Internetseite mit einem nennenswerten Geldbetrag unterstützt. Schließlich profitiert das Unternehmen, wenn viele Abiturienten die Mathematik als ihr Fach für sich entdecken. Etwa 1000 Besucher pro Tag verzeichnet mathematics-in-europe.eu bereits und von Monat zu Monat werden es mehr. Ehrhard Behrends hofft, dass es eines Tages 10 000 werden. Dafür arbeiten er und sein Team fast täglich an der Seite. Künftig sollen Fachvorträge oder Projekte eingestellt werden, die zum Beispiel in der Urania gehalten wurden oder auf der beliebten Langen Nacht der Wissenschaften in Berlin und Potsdam. Außerdem will Behrends ein Forum einrichten, auf dem Mathematiklehrer besonders interessante Konzepte oder Unterrichtseinheiten präsentieren können, um andere Kollegen zu inspirieren. „Es muss ja das Rad nicht ständig neu erfunden werden, um Schüler für Mathematik zu begeistern“, sagt er.

Wer nun glaubt, mit zwei Webseiten, Büchern und seinen regulären Professorenpflichten fühle Behrends sich ausgelastet, der irrt: 2013 ist als das Jahr der „Mathematik des Planeten Erde“ ausgerufen worden – von drei internationalen Mathematiker-Gesellschaften und der Organisation der Vereinten Nationen für Erziehung, Wissenschaft und Kultur, kurz Unesco. Durch viele Aktionen soll die Wichtigkeit der Disziplin für das Wohl der Menschheit ins Licht der Öffentlichkeit rücken – sei es nun bei der Routenplanung, der Katastrophenvorhersage, der Medizin oder der Armutsbekämpfung. Ehrhard Behrends ist für die Koordination aller europäischen Aktivitäten in diesem Jahr verantwortlich.

So wurde etwa ein Wettbewerb ausgelobt für virtuelle Ausstellungen über die Segnungen der Mathematik, die im Internet zu sehen sein sollen. Behrends ist Vorsitzender des Preiskomitees. 30 Bewerber nahmen teil, die drei Sieger stehen schon fest, werden aber erst zur Eröffnung im Frühjahr im Unesco-Hauptquartier in Paris bekanntgegeben. Eine der Reden hält Ehrhard Behrends. Auch wird in einer überregionalen Zeitung jeden Monat ein halbseitiger Artikel eines Mathematikprofessors zum Themenjahr erscheinen, im Januar hat der Wissenschaftler den Anfang gemacht. Darüber hinaus stehen neun Vorträge von Stars der Mathematik-Forschung weltweit auf dem Jahresplan, sechs in den USA, einer auch in Berlin. Im Dezember schließlich widmet sich die Veranstaltungsreihe „Diderot-Forum“ der Mathematik und ihren Bezügen zu Disziplinen, die auf den ersten Blick mit Mathematik nicht direkt verwandt erscheinen. Es dürfte also ein Jahr werden, in dem Ehrhard Behrends viel Material für seine Internetseiten sammeln kann. Ein Jahr, in dem von Ruhe kaum die Rede sein wird. Geschweige denn von Ruhestand.