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Besser natürlich

Warum die Renaturierung von Altarmen der Elbe gleich doppelt sinnvoll ist

08.08.2013

Das Wasser steht bis zum Fenstersims, im großen Saal braucht man Anglerhosen, um nicht nass zuwerden. Eilig haben Andy und Stephanie Wischer Stühle, Anrichten und Sessel auf die Tische gestellt, in den Gästezimmern liegen die Schränke rücklings auf den Bierzelt-Tischen, einige Betten hat es trotz aller Vorsorge erwischt.

Eigentlich glaubten sich die Wischers geschützt, doch als der Deich in Fischbeck brach, flutete das Wasser auch ihr Gästehaus, das „Grüne Haus im Elb-Havel- Land“, in dem noch vor kurzem auch Studierende der Freien Universität Berlin eine Unterkunft gefunden hatten. Dort, wo die Havel in die Elbe mündet, untersuchen sie die Strömungs- und Sedimentdynamik in den Altarmen der Elbe.

„Wir wollen mehr über ökologische Rahmenbedingungen von Altgewässern wissen“, sagt Jens Hartwich, der als wissenschaftlicher Mitarbeiter das Studierendenprojekt leitet. Zur Datenerhebung vor Ort ist die Gruppe in den vergangenen beiden Jahren immer wieder nach Kamern, rund 50 Kilometer nordwestlich der Stadt Brandenburg, gefahren.

Hier gibt es noch viele Altarme der Elbe, die jedoch – wie am gesamten Fluss – zum größten Teil zu verlanden drohen, weil sie vom Hauptfluss abgeschnitten sind. Der Ausbau der Elbe zur Schifffahrtsstraße sowie die Eindeichung führten dazu, dass ein Großteil dieser für das Überschwemmungsgebiet typischen und ökologisch besonders wertvollen Landschaften verloren ging. „Priorität hatte lange nur die Fahrrinne. So wird heute lediglich bei hohen Pegelständen vereinzelt noch Wasser in die Altarme geleitet“, sagt Hartwich. Will man die Altarme der Elbe als Biotope retten, müsse gehandelt werden, sagt der Wissenschaftler. Und nicht nur das. Auch die positive Wirkung der natürlich belassenen Zonen auf den Hochwasserabfluss gelte es näher zu erforschen.

Das Umweltamt Stendal hat schon mit ersten Renaturierungsprojekten begonnen. Abgeschnittene Flussarme werden dabei zumindest zeitweilig wieder mit Wasser versorgt. Allerdings fehlen bislang wissenschaftliche Erkenntnisse, wie sich die renaturierte Landschaft entwickelt und ob die Arbeiten erfolgreich sind. Erste Daten hierüber soll nun das studentische Projekt der Freien Universität liefern.

Die Studierenden untersuchen die Strömungsgeschwindigkeiten und die Bewegung der Sedimente in renaturierten und noch nicht renaturierten Altarmen. Aus den Daten werden komplexe zwei- und dreidimensionale Modelle erstellt, die Strömungen und Sedimentbewegungen bei verschiedenen Hochwasserständen errechnen.

„Die Fahrrinne Elbe als Wasserstraße ist ein sehr monotones Habitat für Tiere und Pflanzen“, sagt der Projektleiter. In den renaturierten Altgewässern dagegen findet sich eine deutlich höhere Vielfalt an Lebensräumen bedingt durch Unterschiede in Wassertiefen, Sedimentzusammensetzung, Uferstruktur und Strömungsverhältnissen.

Auch der positive Einfluss auf Hochwässer konnte durch die Modelle gezeigt werden. In Kombination mit dem Zurückverlegen der Deiche könnten hierdurch deutliche Synergieeffekte zwischen Hochwasserschutz und ökologischer Vielfalt geschaffen werden, sind die Studierenden überzeugt. Um dies fundiert zu untersuchen, fehlen jedoch bislang die finanziellen Mittel. Die angehenden Geografen aus Berlin hoffen nun auf Förderung.

„Allerdings werden sich Renaturierungen wohl nicht kurzfristig durchsetzen lassen“, sagt Hartwich. Hierzu seien die Interessen der unterschiedlichen Nutzer und Anrainer der Flusslandschaft zu verschieden. Hartwich ist sich mit seinem Kollegen Jens Bölscher – ebenfalls wissenschaftlicher Mitarbeiter im Arbeitsbereich von Professor Achim Schulte – einig: „Es muss viel Überzeugungsarbeit geleistet werden, um die Menschen für diese Maßnahme zu gewinnen. Das wird Zeit brauchen. Doch die Hochwasserereignisse der letzten Jahre haben deutlich gezeigt, dass der Elbe ihre natürlichen Überschwemmungsflächen zugestanden werden müssen.“ Hochwasserschutz und Ökologie seien kein Widerspruch, sondern begünstigten sich sogar, sagt Jens Hartwich. Um eine fruchtbare Diskussion führen zu können, müsse laut über neue Nutzungskonzepte nachgedacht werden.

Schon bald würden die Studierenden gerne wieder im „Grünen Haus“ der Familie Wischer zu Gast sein, um ihre Arbeit fortzusetzen. „Wir haben dort Kontakte zu Studierenden der Technischen Universität Kaiserslautern und der Universität Magdeburg geknüpft, die vor Ort ebenfalls Feldforschung betrieben haben“, sagt Hartwich: „Es wäre schade,wenn dieses Haus wegen der Hochwasserschäden schließen müsste.“

Weitere Informationen

Unter www.im-see-17.de haben die Wischers Fotos der Katastrophe eingestellt und bitten um Hilfe, Geld- und Sachspenden.