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Wenn das Wetter zur Katastrophe wird

Die Überflutungen an Ahr und Wupper haben Ängste geschürt: Wie häufig müssen wir künftig mit Extremwetter rechnen? Lassen sich die Folgen des Klimawandels begrenzen? Antworten liefert die Forschung am Institut für Meteorologie

28.09.2021

Bei den Bergungsarbeiten zerstörter Autos in Erftstadt-Liblar im Juli 2021 kommen auch Sonar, Bundeswehrpanzer und Taucher zum Einsatz. Die Fahrer der Autos und Lastwagen waren von den Massen an Wasser überrascht worden.

Bei den Bergungsarbeiten zerstörter Autos in Erftstadt-Liblar im Juli 2021 kommen auch Sonar, Bundeswehrpanzer und Taucher zum Einsatz. Die Fahrer der Autos und Lastwagen waren von den Massen an Wasser überrascht worden.
Bildquelle: picture alliance / Geisler-Fotopress

Am Ende einer kurzen steilen Steigung, wie sie selten ist in Berlin, duckt sich zwischen Villen ein verwinkelter Zweckbau. Erst am Klingelbrett lässt sich ablesen, was dieses Haus im Carl-Heinrich-Becker-Weg in Steglitz beherbergt: das Institut für Meteorologie der Freien Universität Berlin mit einem klimawissenschaftlichen Schwerpunkt.

Wer zu Stephan Pfahl möchte, muss durch lange Gänge mit niedrigen Decken. Das Büro des Professors und Leiters der Arbeitsgruppe für Wetter- und Klimaprozesse selbst wirkt überraschend großzügig, an den Wänden hängen bunte Kinderzeichnungen. „Wir können immer noch beeinflussen, wie schwer die Klimakrise verlaufen wird“, sagt Stephan Pfahl mit Blick auf die Kinderzeichnungen. „Je nachdem, ob sich die Erde im Mittel um 1,5 Grad, um 2 Grad oder um mehr als 3 Grad erhitzt, unterscheiden sich die Auswirkungen erheblich“, erklärt er.

Stephan Pfahl: „Wir können immer noch beeinflussen, wie schwer die Klimakrise verlaufen wird.“

Stephan Pfahl: „Wir können immer noch beeinflussen, wie schwer die Klimakrise verlaufen wird.“
Bildquelle: Petra Grasse

Die Auswirkungen der Erderwärmung lassen sich an den Namen der Forschungsprojekte ablesen, die der Klimawissenschaftler Stephan Pfahl betreut: „Dynamik von Hitzewellen“, heißt eines, „Extremste Niederschlagsereignisse“ ein anderes. Mit dem Projekt wollen Stephan Pfahl und sein Team herausfinden, wie sehr solch extreme Niederschläge wie an Ahr und Wupper im Sommer zunehmen werden.

Das Vorhaben ist Teil des vom Bundesforschungsministerium geförderten Großforschungsprojekts „climXtreme“, in dem die Freie Universität mit verschiedenen anderen Hochschulen und Forschungseinrichtungen wie dem Deutschen Wetterdienst und dem Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung zusammenarbeitet.

Es geht darum, Extremniederschläge präziser vorherzusagen

Weil Extremereignisse per definition selten auftreten, mangelt es allerdings an meteorologischen Daten zur systematischen Analyse extremen Wetters. Um größere Stichproben zu erzeugen und künftige Klimatrends zu beschreiben, nutzen Forscherinnen und Forscher daher Computermodelle. Diese allerdings ähneln mitunter schlecht aufgelösten Fotos: Wer zu weit hineinzoomt, erkennt nichts mehr.

Deshalb können Modellierer die Konsequenzen des Klimawandels weniger für einzelne Städte abschätzen, sondern eher für Großräume wie die Elbregion. Die reicht von Prag bis Hamburg, Berlin liegt mittendrin. Stephan Pfahl und sein Team sehen den Klimawandel also aus der Vogelperspektive. Um Unsicherheiten in den Prognosen zu verringern, plant der Meteorologe ein Anschlussprojekt zu Extremniederschlägen. Es soll die Prognosen präziser machen und Anpassungen an Extremwetter erleichtern. Kommunen an Flüssen beispielsweise wüssten dann genauer, wie weit sie die Deiche erhöhen müssen, um sich zu schützen.

Uwe Ulbrich: „Mir geht es darum, Verständnis dafür zu schaffen, wie wir Menschen das Klima beeinflussen.“

Uwe Ulbrich: „Mir geht es darum, Verständnis dafür zu schaffen, wie wir Menschen das Klima beeinflussen.“
Bildquelle: privat

Neue Einstein Research Unit „Climate and Water under Change“ 

Sagen, was wird, will auch Uwe Ulbrich. Der Professor für Meteorologie untersucht ein Stockwerk über Stephan Pfahl die konkreten Auswirkungen von Extremwetter auf Natur, Mensch und Infrastruktur – als Leiter eines Teilbereichs von „climXtreme“ und als einer der leitenden Wissenschaftler hinter der neuen Einstein Research Unit „Climate and Water under Change“ (CliWaC; Klima undWasser im Wandel).

Es ist ein Projekt der durch den Exzellenzwettbewerb geförderten Berlin University Alliance, in der sich Freie Universität Berlin, Humboldt- Universität zu Berlin, Technische Universität Berlin und Charité – Universitätsmedizin Berlin zusammengeschlossen haben. Sprecherin des universitätsübergreifenden Forschungsteams ist die Ökologie-Professorin Britta Tietjen von der Freien Universität Berlin.

Die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler wollen erforschen, welche Risiken der Klimawandel für die Wasserverfügbarkeit und -qualität sowie hinsichtlich von Überflutungen in Berlin und Brandenburg birgt und wie Bevölkerung und Institutionen damit umgehen können.

Gemeinsames Ziel des multidisziplinären Teams, das Expertise der Berliner Universitäten von der Ökologie und Hydrogeologie bis zur Ökonomie und Rechtswissenschaft umfasst, ist es, Lösungen für eine nachhaltige Bewirtschaftung von Wasserressourcen zu entwickeln. Damit diese auch umgesetzt werden, wollen die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler intensiv mit Politik, Verwaltung, Wirtschaft und gesellschaftlichen Organisationen zusammenarbeiten.

„Mir geht es darum, Verständnis dafür zu schaffen, wie wir Menschen das Klima beeinflussen und wie wir die Gefahr, die von Extremereignissen ausgeht, durch Anpassung verringern können“, erläutert Uwe Ulbrich.

Henning Rust: „Wie das Wetter wird – das müssen wir übersetzen in: was das Wetter anrichten würde.“

Henning Rust: „Wie das Wetter wird – das müssen wir übersetzen in: was das Wetter anrichten würde.“
Bildquelle: Bernd Wannenmacher

„Was heißt denn 30 Prozent Niederschlagswahrscheinlichkeit?“, fragt Henning Rust, Professor für statistische Meteorologie am Hans-Ertel-Zentrum für Wetterforschung der Freien Universität rhetorisch. „Bedeutet das, dass es an 30 Prozent eines Tages regnen wird, auf 30 Prozent einer Fläche oder dass drei von zehn Meteorologen der Meinung sind, dass mit Niederschlägen zu rechnen ist? Oder heißt das, dass es in 30 von 100 Fällen regnen wird, für die wir die 30 Prozent vorhersagen?“

Die Frage stammt aus einer Studie des Max-Planck-Instituts für Bildungsforschung zum Verständnis von Wettervorhersagen in der Öffentlichkeit, Untertitel: „Eine Risikoanalyse“. Keine Übertreibung, denn die richtige Antwort wussten viele Befragte nicht. Für den Wissenschaftler der statistischen Meteorologie Henning Rust ein Ansporn, Wettervorhersagen verständlicher zu machen. Wie das geht, erforscht er mit seinem Büronachbarn Uwe Ulbrich im Forschungsprojekt „Weather Extremes and Communication“ (WEXICOM).

Wissenschaft hilft bei der Frage: Evakuieren oder nicht? 

„Wie das Wetter wird – das müssen wir übersetzen in: was das Wetter anrichten würde“, so fasst Henning Rust seine Ergebnisse zusammen. Doch das reiche immer noch nicht: Weil die Atmosphäre ein komplexes System ist, das sich nicht immer gleich gut vorhersagen lässt, denken und sprechen Meteorologen in Wahrscheinlichkeiten. Doch Behörden müssen im Zweifel entscheiden: evakuieren oder nicht?

„In vielen Fällen können wir solche Entscheidungen erleichtern, indem wir Warnungen um den Hinweis ergänzen, wie wahrscheinlich sie eintreten“, erläutert Henning Rust. Doch selbst bei größter Transparenzwerde es zu Entscheidungen kommen, die sich als Fehlalarme herausstellen würden. „Wer das zu häufig erlebt, glaubt den Warnungen irgendwann nicht mehr.“

Der Wetterstatistiker mahnt deshalb: „Wir müssen das Verständnis dafür wecken, dass selbst Ereignisse, vor denen mit hoher Wahrscheinlichkeit gewarnt wird, auch einmal nicht eintreffen können – dass aber deshalb die Vorhersagen nicht unzuverlässig sind.“

Diese Erkenntnis, glaubt Rust, wird sich durchsetzen. Und als findiger Didaktiker hat er ein Projekt entwickelt, um nachzuhelfen: Henning Rust und sein Team lassen Schülerinnen und Schüler im Unterricht kleine Wetterstationen zusammenbauen und zu Hause aufstellen. „So können Kinder und Jugendliche die Wettermessung in Zahlen auf dem Smartphone sehen und mit ihren eigenen Wahrnehmungen abgleichen. Sie lernen, was die Zahlen bedeuten und lernen, Wahrscheinlichkeitsvorhersagen und Warnungen besser zu verstehen“, meint Henning Rust.

Der Wettererklärer, der Netzwerker und der Klima-Modellierer: Henning Rust, Uwe Ulbrich und Stephan Pfahl erforschen den Klimawandel aus verschiedenen Perspektiven – und sind sich einig: Aufhalten lässt sich die Erderhitzung nicht mehr. Aber eindämmen und die Folgen begrenzen, das können wir.