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Datenbasiert reflektieren und entscheiden – Lerngelegenheiten für eine evidenzbasierte adaptive Unterrichtspraxis

Eine Kernaufgabe von Lehrkräften liegt - nach den Standards der Kultusministerkonferenz für die Lehrerbildung (KMK, 2004, 2019) - in der gezielten und wissenschaftlich fundierten Planung, Organisation und Reflexion von Lehr- und Lernprozessen sowie in der kompetenten Wahrnehmung von schulischen Beurteilungs- und Beratungsaufgaben. Dabei gilt das Leitbild der evidenzbasierten Profession: Lehrkräfte sollen ihre Entscheidungen nach Möglichkeit auf empirische Evidenz und nachgewiesene Wirksamkeiten gründen. Solch eine evidenzbasierte adaptive Unterrichtspraxis ist insbesondere in heterogenen Klassenzimmern bedeutsam. Lehrkräfte benötigen zur Umsetzung allerdings entsprechende professionsbezogene Forschungskompetenzen, z.B. bei der Diagnose von Lernvoraussetzungen sowie bei der Planung und Einschätzung wirksamer pädagogischer Handlungen. Ein wichtiger Bestandteil professionsbezogener Forschungskompetenzen ist die systematische Reflexion fallbasierter Daten von einzelnen Schüler*innen sowie Schulklassen bzw. Schulen. Diese Reflexion üben Lehramtsstudierende in Lehrveranstaltungen der FU Berlin entlang dieses Datennutzungszyklus' mit fallbasierten Lerngelegenheiten:

                                                                        


K2teach wurde im Rahmen der gemeinsamen „Qualitätsoffensive Lehrerbildung“ von Bund und Ländern aus Mitteln des Bundesministeriums für Bildung und Forschung gefördert.

Abbildung 1: Datennutzungszyklus, adaptiert nach Korthagen (2002) und Beywl & Schepp-Winter (2000)

Abbildung 1: Datennutzungszyklus, adaptiert nach Korthagen (2002) und Beywl & Schepp-Winter (2000)

Diese Lerngelegenheiten basieren auf realen Falldaten, die u.a. vom Institut für Schulqualität der Länder Berlin und Brandenburg bereitgestellt oder aus Interviews mit Lehrer*innen, Sonderpädagog*innen und Psycholog*innen gewonnen wurden. Die Studierenden können diese fallbasierten Daten – entweder Unterrichts- oder Individualdaten – zur Analyse, Interpretation und Ableitung geeigneter pädagogischer Anschlusshandlungen nutzen.

Reflexion fallbasierter Unterrichtsdaten

Die unterrichtsdiagnostischen Lerngelegenheiten beinhalten

  • Informationen zu Prozessphasen der Datennutzung,
  • ein realistisches Fallbeispiel, abgeleitet aus VERA-Ergebnissen einer 3. Klasse einer Berliner Grundschule sowie
  • Zusatzinformationen zu Unterricht, Klasse, Schule und Aufgabenformaten.

 Für die Reflexion durchlaufen die Studierenden folgende Schritte:

Reflexion fallbasierter Individualdaten

Die individualdiagnostischen Lerngelegenheiten umfassen zum Beispiel

  • Hintergrundinformationen zu Familie und Lebenssituation
  • Diagnostische Daten, wie z.B. Ergebnisse von Schulleistungstests oder systematische Beobachtungen von Lehrkräften und Sonderpädag*innen
  • Diagnostische bzw. auf individuelle Förderung bezogene Fragestellungen

Es wurden verschiedene individualdiagnostische Lerngelegenheiten entwickelt, die jeweils einen unterschiedlichen Fokus auf die einzelnen Schritte der Datennutzung legen. Im Folgenden wird dies am Beispiel der Lerngelegenheit zum Fall B. gezeigt. Der Fall B. ist aus einem von mehreren leitfadengestützten Interviews mit Berliner Sonderpädagog*innen hervorgegangen. Für die Reflexion durchlaufen die Studierenden folgende Schritte:

Die Studierenden erschließen in Einzelarbeit die in der Lerngelegenheit zusammengetragenen Daten. Sie bringen hierfür den Fall mit den Informationen zu Unterricht, Klasse, Schule und den eingesetzten Aufgabenformaten in Verbindung.

Die Studierenden erklären sich in Gruppenarbeit die (VERA-)Ergebnisse für den beschriebenen Klassen- oder Schulfall. Mögliche Hintergründe und Erklärungsansätze werden vorgebracht, unterschiedliche Interpretationen diskutiert und gemeinsam Erklärungshypothesen für die Daten entwickelt.

Die Studierenden überlegen in Gruppen, welche Maßnahmen sich begründet ableiten lassen. Ziel ist die Formulierung von Anschlusshandlungen und verschiedenen Maßnahmen zur Unterrichtsentwicklung auf Basis der in Schritt 6 entwickelten Hypothesen. Außerdem hinterfragen die Studierenden persönliche Erfahrungen, ihre Einstellungen und Werte sowie die Implikationen, die sich für ihr eigenes Verhalten als Lehrkraft und für ihren Unterricht ergeben.

Die Studierenden stellen ihre Gruppenarbeitsergebnisse im Plenum vor, diskutieren ihre abgeleiteten Maßnahmen und geben sich wechselseitig Feedback.

Die Studierenden versuchen in Einzelarbeit die Daten zum Fall B. (umfasst u.a. Ergebnisse standardisierter Tests, Informationen der Eltern und Klassenlehrkraft) zu verstehen und entsprechend ihrer Relevanz zu sortieren.

Die Studierenden tragen in Kleingruppenarbeit mögliche außerschulische Fördermaßnahmen zusammen, die den Schüler B. zusätzlich zur sonderpädagogischen Förderung und der von der Klassenlehrkraft vorgeschlagenen Fördermaßnahme unterstützen könnten.

Die Studierenden bereiten ein fiktives Gespräch zwischen dem Sonderpädagogen, der Klassenlehrkraft und der Mutter vom Schüler B. vor. Dabei verfolgen sie das Ziel, die Testergebnisse und Fördermaßnahmen adressatengerecht an die Mutter zu kommunizieren. In Kleingruppen wechseln sie mit der „Hut-auf-Methode“ (angelehnt an de Bono, 2000) die Perspektive und überprüfen die Wirkung vorgegebener und selbst entwickelter Formulierungen auf die Mutter. Damit schulen sie eine Fähigkeit der vier Dimensionen der Beratungskompetenz nach Bruder (2011) und Gerich und Kolleg*innen (2015).

Literatur